Mittwoch, 29. April 2009 – 17:06 Uhr

Blogübertrag. Ursprünglich erstellt am Naturblog von RE-agieren durch Doris Reiff im Jahre 2009.

Die schnellste Schnecke der Welt

Stell dir vor, du liegst auf deiner Wiese. Du hast die Augen geschlossen und spürst die Ruhe rings um dich – und in dir. Du hörst das Gras im Wind sich bewegen, und die Vogelstimmen ringsum … Dein Atem geht ein und aus, ein und aus, ganz ruhig und gleichmäßig, ganz von allein. Mit jedem Atemzug spürst du deine Schwere angenehm auf dem Boden. Mit jedem Atemzug fühlst du die Wärme in dir …

So sinnst du vor dich hin – da siehst du eine Weinbergschnecke neben dir kriechen. Ihre Fühler hängen traurig zu Boden. „Was ist denn los?“, fragst du mitleidig.

„Ach“, antwortet sie, „es ist eine Schande. Heute hatten wir unsere jährliche Schneckenversammlung und da haben sie mich zur schnellsten Weinbergschnecke der Welt gewählt.“

„Aber das ist doch wunderbar!“ antwortest du.

„Du hast keine Ahnung“, meint sie dazu, „du bist eben ein Mensch. Ihr macht alles blitzeschnell. Für euch mag das ja auch recht sein, aber bei uns ist es anders. Unser höchstes Ziel ist es nämlich, besonders langsam und elegant durch die Gegend zu schlendern. Und von allen Schnecken sind wir Weinbergschnecken die langsamsten. Deshalb sind wir ja auch dazu übergegangen, immer unser Haus auf dem Rücken mitzuschleppen, weil wir sonst garantiert immer zu spät zu Hause wären. Nur ich bin anders“, seufzt sie, „immer bin ich zu schnell.“

„Das geht mir auch oft so“, verrätst du. „Und auch manchen anderen Kindern.“

„So, so“, sagt die Weinbergschnecke. „Und was macht ihr Menschen dann, wenn ihr zu schnell seid?“

„Vielleicht versuchst du es einmal mit einem Merkspruch“, rätst du der Weinbergschnecke. „Immer, wenn du merkst, dass du wieder viel zu hastig bist, dann hältst du kurz inne, atmest tief ein und tief aus, und sagst dir leise vor:

Ruhig und still
gehts wie ich will.“

„Und das soll klappen?“, zweifelt die Weinbergschnecke und wedelt mit ihren Fühlern in der Luft herum.

„Wenn du es ein paarmal probierst … Du wirst schon sehen!“, antwortest du.

„Ruhig und still
gehts wie ich will“,

murmelt die Weinbergschnecke einigemal vor sich hin.

„Ruhig und still
gehts wie ich will.

Einfach zu merken ist der Spruch ja“, meint sie dann. „Ich will es einmal damit versuchen. Auf Wiedersehen und vielen Dank!“

Und damit kriecht sie langsam und elegant mit ihrem Häuschen davon.