Diagnose-Wahnsinn – Ein Psychiater warnt vor den Auswüchsen der Psychiatrie

Früher trauerte man nach dem Tod eines geliebten Menschen mitunter ein ganzes Jahr, demnächst gilt man nach zwei Wochen Trauer als psychisch krank. Früher gab man sich ab und zu dem Heißhunger hin. Demnächst ist man dann ein Kandidat für eine “Fressattacken-Störung“. Und früher hatte das Kind einfach nur eine Trotzphase, demnächst leidet es unter “disruptiver Launenfehlregulationsstörung“. Im Mai erscheint das neue Diagnose-Handbuch der Psychiatrie “DSM-5”. Und in dem ist auch wirklich für jeden eine Störung dabei.

Psychiater Allen Frances (der an der letzten Ausgabe dieses Psychiater-Handbuchs gearbeitet hat):

Viele Diagnosen aus dem neuen Handbuch treffen schon auf jemanden wie mich zu. So habe ich sicher eine leichte ‘kognitive Beeinträchtigung’. Denn ich vergesse vieles. Manche Leute werden mir auch bestimmt auch eine ‘Aufmerksamkeitsstörung’ attestieren. Und es gab Zeiten in meinem Leben, da habe ich bestimmt die Kriterien für eine Depression erfüllt, vor allem als meine Frau gestorben ist. Und meine Enkelkinder erfüllen die Kriterien der ‘Launenfehlregulationsstörung’. Es ist lächerlich, das System wurde völlig auf den Kopf gestellt.
Kinder sind für die Pharmaindustrie der größte Markt. Wenn man früh an sie rankommt, hat man Kunden fürs Leben. Ob Psychopharmaka bei Kindern überhaupt etwas bringen, ist weit weniger erforscht als bei Erwachsenen. Von Nebenwirkungen ganz zu schweigen. Kindern werden viel zu schnell Tabletten verschrieben. Es ist wie im Wilden Westen. Sie bekommen Pillen, ob sie sie brauchen oder nicht und damit wird großer Schaden angerichtet.

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